ABC der tiergerechten Haltung

O – Ontogenese

Die Ontogenese beschreibt die Individualentwicklung von der Entwicklung der Eizelle im Mutterleib bis zum Tod des Lebewesens. Diese Entwicklung wird zum einen durch die körperliche Entwicklung und Reifung bestimmt, zum anderen durch Lernprozesse, die das Lebewesen im Laufe seines Lebens durchläuft.

Unter Reifung versteht man die Entwicklung der angeborenen Verhaltensweisen, während das Lernen durch Gewöhnung, Nachahmung und Training erfolgt und in hohem Maße von außen durch das Umfeld bestimmt wird.

Bereits kurz nach ihrer Geburt sind die Fohlen sehr lernfähig. Die Prägung auf die Mutterstute ist innerhalb weniger Stunden abgeschlossen und das Pferd lernt bereits am 1. Tag zu stehen, zu saugen und in allen Gangarten zu laufen. Für das Fluchttier Pferd in der Steppe war diese Fähigkeit von elementarer Bedeutung, damit auch das neugeborene Tier seiner Familie bei Gefahr folgen konnte

Der größte Reifungs- und Lernprozess findet in den ersten Lebensjahren statt. Daher kommt dem Aufwachsen von Fohlen im Herdenverband so eine große Bedeutung zu. Das junge Pferd lernt von seinen Artgenossen und ist damit wesentlich besser für die Zukunft gerüstet als Fohlen, die allein vom Menschen großgezogen werden.

Der Mensch kann sich diese Altersphase und die damit auch sehr ausgeprägte Neugier der Pferde nutzen, um sie mit möglichst vielen Umweltreizen vertraut zu machen. Auf diese Weise gewinnt man langfristig sichere und vertrauensvolle Pferde, die gelassen auf Umweltreize reagieren und damit auch eine gute Basis für ein zuverlässiges Reitpferd haben.

In einer späteren Gruppenhaltung von Pferden kann man deutlich erkennen, welche Pferde eine gesunde Aufzucht in der Gruppe erleben durften, da diese Tiere sich schnell in die Gruppe und die bestehende Rangordnung einordnen und auch in der Verständigung und im Umgang mit anderen Pferden meist unproblematisch sind.

Es ist inzwischen wissenschaftlich belegt, dass Verhaltensstörungen, die sich bei Pferden im späteren Leben  entwickeln, sehr häufig auf Störungen in der Jugend zurückzuführen sind. Einer tiergerechten und schonenden Aufzucht- und Ausbildungsphase sollte daher eine sehr große Bedeutung zugemessen werden. In der Praxis ist immer wieder zu erkennen, dass wirtschaftliche Zwänge zu Einsparungen und Beschleunigungsversuchen in dieser Phase führen, die ihre Spuren oft erst im späteren Pferdeleben erkennen lässt.

Für den tiergerechten Umgang mit den Pferden ist es  wichtig, zu realisieren, dass schwierige, unerzogene und verhaltensauffällige Pferde werden nicht als solche geboren werden, sondern meist vom Menschen durch nicht tiergerechtes Verhalten und unsachgemäßen Umgang dazu gemacht werden. 

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